Maibaum

 

„Bauer“, sagt der Poldl, „was kostet der Baum, der oben im Schachen steht, wo sich die Wege kreuzen, der junge, hochgewachsene Fichtenbaum?“
„An dem das Vogelnest ist?“ fragt der Bauer.
„Schau, Bauer, hast du ihn schon so genau beguckt?“
„Freilich, und mir scheint, du hast´s auch getan, Poldl. Vielleicht nimmst einen andern.“
„Ich brauch´ einen der gut steht.“
„Eh, das weiß ich, dass du einen solchen brauchst. Für welche denn, wenn man fragen darf?“
„Werden wir handelseins, Bauer, so sag ich dir´s. Was das Bezahlen anlangt: einen Tag zum Kornschneiden hast mich im Sommer, wenn´s zeitig ist.“
„Eine Red`! Poldl, der Baum gehört dein.“
So wird es ausgemacht zwischen dem Großbauern und dem Poldl.

Poldls Maibaum muss über Nacht wachsen, keinen Spatenstich darf man hören, ohne Geräusch muss der schlanke Stamm emporgehoben werden. Im Wald oben, wo der Baum gefällt worden, wird er auch entrindet – alles ganz heimlich –, nur der grüne Wipfel wird sorgfältig geschont und mit roten sowie blauen Seidenbändern geschmückt.

Die Kameraden sind so bestellt, und kommt die Nacht, so tragen sie diesen Baum hinab ins Tal, und beim Rüpelhof wird er ganz heimlich aufgerichtet; gerade gegenüber dem Kammerfenster der Haustochter.

Wenn man im Frühsommer durch das schöne steirische Land wandert, so sieht man in den Dörfern die weißen Schäfte mit den buschigen Wipfeln hoch aufragen über die Dächer. Auch die Wirtshäuser stellen oft Maibäume auf, um Gäste herbeizulocken. In manchen Gegenden pflegt man mit Wein gefüllte, gut verkorkte Flaschen an den Wipfel zu hängen; die werden dann im Frühherbst herabgeholt und ausgetrunken.


Frei nach Peter Rosegger